Einmal Notausstieg, bitte!

Irgendetwas stört meinen Schlaf… Die Kinder können es nicht mehr sein, die schlafen doch meist (endlich!) durch. Genervt drehe ich mich zur Seite, hundemüde, aus dem Tiefschlaf gerissen. Ortend, wo denn dieses Scheiß – Geräusch herkommt und realisiere im selben Moment, es ist der Wecker, der da stört.

 

Raus aus den Federn, bitte noch einen Kaffee inhalieren, bevor die Kinder wach werden. Ihr eingebauter Radar weckt sie sofort, wenn ich mich aus dem Bett schleiche. An sich kein Problem. Aber wenn ich schon so aufstehe, bin ich unendlich dankbar, wenn ich zumindest 10 Minuten habe, bevor mich jemand anredet. Sitzen und einfach nur sein. Wobei die paar Minuten ehrlich gesagt immer zu kurz sind. Und wenn es eine Stunde wäre, wäre es zu kurz. Einfach, weil es nicht meinem Rhythmus entspricht. Ich hasse es, um 6 Uhr morgen aufstehen zu müssen. Die Kinder anzuhalten, nicht zu sehr zu trödeln, weil wir um 10 nach 7 pünktlich los müssen. Nicht etwa früher, nein, früher dürfen sie nicht in die Schule rein. Um 7.25 muss ICH allerdings im Schulgebäude sein, weil ich um 7.40 selbst in der Klasse stehe und unterrichte. Meist erledigt das Adrenalin in der Früh die bleierne Müdigkeit. Hält ihm quasi die Waffe vor und sagt: funktioniere oder stirb. Und wer stirbt schon gerne? Also funktionieren… so lange es geht.

Irgendwann ging es bei mir nicht mehr. Um euch traurige, depressive, wütende und nervenaufreibende Einzelheiten zu ersparen, im Schnelldurchlauf: Es musste sich etwas ändern. Sonst wäre das „Stirb“ die Alternative gewesen. Ich hab gekämpft. Zwei Jahre lang. Gekämpft. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Die tatsächliche Wende brachte bei uns allerdings – wie so oft – ein Kind selbst. Die Große hatte nie Probleme in der Schule, sie ist wie ich. Absolut angepasst, um ja nicht aufzufallen oder noch schlimmer, anzuecken.

Der Kleine allerdings war immer schon sehr stur – Nach seiner Geburt und dem ersten Stillen ging ich damals duschen. Das wars fürs Erste mit Stillen. Er war so erbost darüber, dass ich anders roch, dass er tatsächlich stundenlang nicht gesaugt, sondern nur geschrien hat. Erst als der Duschgel-Geruch nachließ, saugte er wieder. (Ich hab das damals nicht gleich kapiert, erst nach ein paar Mal duschen und Geschrei wurde mir der Zusammenhang klar.)

Und so zog sich das durch. Er weiß genau, was er will und was nicht. Wäre er im Schulsystem geblieben, wäre er sicherlich beim Psychiater gelandet. Vermutlich gleich mit mir zusammen. Er wurde ganz normal eingeschult, obwohl er im Kindergarten schon auffällig war. Er wollte dort schon nie hingehen. Aber ich kam gar nicht auf die Idee, auf mein Kind zu hören. In meinem Umkreis hört niemand auf seine Kinder. Denn die MÜSSEN ja. Wie soll das auch gehen, ich muss ja selbst auch arbeiten.

Das erste Schuljahr mit ihm war eine einzige Katastrophe. Tag täglich zerrte ich ihn unterm Tisch hervor, um pünktlich raus zu kommen. Dann reichte es oft nicht, ihn vor der Schule aussteigen zu lassen. Meist wäre er davon gelaufen. Ich musste ihn also der Lehrerin persönlich übergeben. Die setzte ihn dann munter in einen extra Raum, wo er in Ruhe für sich arbeiten konnte. Sie meinte immer, das störe meinen Sohn nicht weiter. Bloß gelernt hat er dabei nur, dass er es nicht wert ist, dass ihm jemand wirklich zuhört. Die Hausübungen wurden immer mühsamer und ein regelrechter Machtkampf.  Wie es mir dabei ging, könnt ihr euch vielleicht vorstellen.

Zu Weihnachten bekam er Schleimhautentzündungen im Mund. Im Frühling dann Neurodermitis. Schulmedizinisch behandeln ließ ich ihn nicht. Stattdessen fiel eine Entscheidung.

Dieses Schuljahr veränderte uns sehr. Vieles davon schlummerte schon Jahre lang. Veränderung ist ja immer ein Prozess. Auch mir wurde klar, dass ich so in dieser Form nicht mehr als Lehrerin arbeiten möchte. Außerdem kann es nicht sein, dass mein Sohn leidet und ich mich um andere Kinder kümmere, als um meine eigenen. Dann ging eigentlich alles recht schnell.

Die endgültige Entscheidung fiel im Mai. Von dem Zeitpunkt an, von dem ich meinem Sohn mitteilte, dass er wegen mir nicht mehr zur Schule gehen muss, ging es bergauf. Ein paar Wochen später hatte er wunderschöne Haut. Ganz ohne Salben oder Medikamente.

Ein Freilernertreffen bestätige dann, was ich tief in mir fühlte. Außerdem überzeugte es meinen Mann. Diese Kinder können vermutlich mehr, als Schulkinder jemals lernen können. Weil ihnen den Bezug zu sich selbst niemand abspricht. Weil sie so sein dürfen, wie sie sind. Weil sie niemand in eine Schachtel zwingt und verlangt, dass alle dasselbe tun.

Und so kam es, dass ich mit den Kindern auf Reisen ging. Eine Auszeit vom System.

Mein Mann ist auch Lehrer, in den Ferien reist er mit. Seinen Beruf liebt er sehr, deswegen kommt ein Totalausstieg aus dem System nicht in Frage.  Die meiste Zeit reisen wir aber alleine. SingleTravelMum – wir Mütter können das!   Und wenn die Sehnsucht zu groß wird und Skype und Whatsapp keine Abhilfe mehr schaffen, kommen wir nach Hause.

Einen Wecker gibt es nicht mehr. Feste Tagebestandteile auch nicht. Wir dürfen das tun, worauf wir Lust haben und jede Sekunde neu entscheiden, was als nächstes kommt. Niemand sagt mehr, du musst das jetzt aber machen. Der eigene innere Antrieb ist wieder groß genug. Auch bei den Kindern. Da werden Projekte organisiert, gebastelt, Texte geschrieben und gerechnet, wieviel Geld wir für die nächste Reise brauchen.

Wir sind zusammengewachsen. Wir sind ein Team. Nicht mehr getrennt, sondern zusammen. Und rückblickend erkenne ich, was mich damals so gestört hat. Es ist nämlich völlig idiotisch, sich tagtäglich selbst zu malträtieren und vom Wecker knebeln zu lassen. Nur mehr zu funktionieren, weil man keinen Ausweg sieht. Was ich in der Situation damals nicht wusste, ist, dass wir immer die Wahl haben. Auch wenn wir glauben, wir hätten keine. Weil wir keine sehen. Aber das stimmt nicht. Leider muss sehr oft, so wie auch bei uns, der Leidensdruck riesig werden, damit wir auch bereit sind, uns der Angst zu stellen und etwas zu verändern. Auch auf die Gefahr hin, dass wir dann anecken. Was übrigens gar nicht so schlimm ist.

Mittlerweile habe ich angefangen, meine Erfahrungen aufzuschreiben. Weil ich eben gelernt habe, dass man doch etwas ändern kann. Auf www.mumacademy.at findest du viele Texte von uns zu Alltagsgeschichten, zum Freien Lernen und zu unseren Reisen. Ich möchte dir damit zeigen, dass es nicht nur möglich ist, sein ur-eigenstes Leben zu leben, sondern auch wichtig. Ich möchte dich ermutigen, deinen eigenen Weg zu suchen, der für dich passt und diesen auch selbstbewusst zu gehen. Weil es dich glücklich machen wird. Und du so viel freier und entspannter sein kannst, wenn du glücklich bist. Schau mal rein, ich freue mich auf dich!

Alles Liebe, 

Deine Kerstin Brandmayer

 

 

Kerstin Brandmayer ist Mutter  und bloggt auf www.mumacademy.at.

Ihre Kinder sind 10 und 8 Jahre alt und dürfen sich frei bilden.

Außerdem findest Du auf Kerstins Blog Informationen für Alternatives Begleiten statt Erziehen, Clean Eating, Weltreise alleine als Mama mit den Kindern und praktizier(t)en Familienbett, Langzeitstillen und Tragen.

 

 

Danke für diesen wunderbaren Artikel im Rahmen der Blogparade!

 

Blogparade

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