Nomadische Familie

 

„Eine Reise beginnt immer mit dem ersten Schritt“ -Laotse

Unsere erste Weltreise begann vor acht Jahren. In unserer Verliebtheit entschieden wir uns als Paar dafür, alles was für uns Karriere, Komfortzone, Familie und Freunde bedeutete, für ein Jahr oder länger zu verlassen.

Wir kamen verändert zurück.

 

„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – Herrmann Hesse

Als frischgebackene Eltern merkten wir ein paar Jahre später ,dass der Alltag mit Kind, bewusster Ernährung und Selbstständigkeit schwer unter einen Hut zu bekommen ist.

Inspiriert durch die *1.Sundance Family verkauften wir ein weiteres Mal unser Hab und Gut und zogen in unseren *2. 4 qm großen Wohnanhänger.

Verrückt, aber gemütlich.

Vom Suchen und Finden

Also zogen wir vor zwei Jahren los, um nach alternativen Lebensgemeinschaften, Ökodörfern und anderen Kulturen zu suchen.

Vom romantischen Österreich ging es durch die hohe Tatra hinüber in die trockene Puszta, durch das wilde Transsilvanien hinein in das goldene Bulgarien. Und so kamen wir im mediterranen Herbst in der Türkei an. Nach drei Wochen Kulturschock, Nahrungssuche und völliger Frustration, verliebten wir uns am Grab von Achilles in Land und Leute.

 

 

Flucht in letzter Sekunde

Doch dann kam Krieg. Erdogan erwünschte sich Neuwahlen. Eine Bombe explodierte in der Hauptstadt Ankara. Das Auswärtige Amt riet uns zur umgehenden Ausreise. Wir lebten zu der Zeit in den Bergen von Izmir in einer Gemeinschaft aus mehreren Familien in einem Ökodorf. Unser aktuelles Zuhause war uns sehr ans Herz gewachsen und so fiel es uns sehr schwer diese Gemeinschaft zu verlassen. Wir waren hin- und hergerissen.

Die letzten Sonnenstrahlen gaben uns genügend Wärme, um gut über die Höhenlagen nach Griechenland zu reisen. Durch einen Aufruf über Helpx.net fanden wir schnell eine Arbeit gegen Kost und Logis. Im Süden bekamen wir auf einer Olivenölfarm auf der Peloponnes den Job eines Verwalterpärchens. Der Winter war somit gesichert.

Es folgten fünf einsame, aber auch wichtige, Monate in Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Tag bestand für uns aus harter körperlicher Arbeit auf dem Olivenfeld. Der Garten musste bestellt werden, das Steinhaus brauchte Pflege und Feuerholz für den nahenden Winter musste gehackt werden. Die Zubereitung des Essens nahm auch einen großen Platz im Tag ein: vom Paleobrot backen bis zu Rohkost Dominosteinen haben wir alles selbst hergestellt. In dieser Ecke von Griechenland fanden wir, außer Kebab und Pommes, fast nichts, was wir essen wollten.

Ella wurde 3 Jahre alt und vermisste ab dem Tag andere Kinder. Also stellten wir unseren Wochenplan um: zweimal pro Woche fuhren wir in die „Zivilisation“ auf den Spielplatz und in einen Chor. Befreundete Familien kamen zu uns in die Abgeschiedenheit, um Urlaub zu machen. Endlich Kinder!

Lottogewinn?

Bisher leben wir vom Ersparten und von der Plattform  3* Helpx.net– Arbeit gegen eine Unterkunft und Essen. Doch der Plan ging wie vor acht Jahren nicht mehr ganz auf- den beim Essen gehen die Geschmäcker auseinander und wir mussten oft aus eigner Tasche unser Gemüse und Obst kaufen.

Das erste Mal kam die Idee nach einer ortsunabhängigen Arbeit auf. Doch was können wir anbieten, was sind unsere Leidenschaften?

Es war zäh, schon der Familienblog kostete mich so viele Stunden meiner Freizeit und unsere Familienzeit.

 

Ein Online Business war auf jeden Fall für uns kein denkbarer Weg.

Der Sommer kam und wir besuchten unsere Familien in Deutschland.  Weiterhin lebten wir im Wohnwagen. Freunde boten uns ihre Gärten und Höfe als Stellplatz an. Wir nutzten die Zeit, um Geld in unseren gelernten Berufen für das kommende Jahr zu verdienen. Der Terminkalender war randvoll. Die Stimmung war gereizt.

Wir kamen an unsere Grenzen, körperlich sowie psychisch..

Wir waren verzweifelt, nahmen Coachings in Anspruch, denn wir sahen in unseren eigenen Leben nicht mehr durch. Wer sind wir – und wenn ja wie viele? Fragen über Fragen, Zweifel und innere Zerissenheit.

 

Unsere Familien verstehen bis heute nicht, was wir wollen.

Ganz ehrlich, das haben wir zu dieser Zeit auch nicht. Und das war ja gerade das Schwere daran. Diskussionen, Missverständnisse, Tränen.

Das Schulfrei Festival bei Berlin war unsere Rettung. Eine Kur, ein Hoffnungsschimmer für unsere suchenden Seelen. Zum ersten Mal fühlten wir uns nicht als Aussätzige, Asoziale und Verweigerer. Wir waren unter Gleichgesinnten. Von selbstbestimmter Geburt über bewusste zuckerfreie Ernährung bis hin zum Freilernen und dem Suchen nach alternativen Lebenswegen; alles wurde akzeptiert und von einigen Familien gelebt.

 

Ein Traum wird wahr

Wir knüpften unsere ersten Netzwerke außerhalb von Facebook. Es war absolut klar, dass wir den kommenden Winter mit gleichgesinnten Familien verbringen wollten!

Ein Family Meet Up in Thailand wurde durch die 4*Roadfamily und die 5*Horlachers organisiert und wir schlossen uns spontan mit an. Nach drei gemeinsamen Monaten mit vielen Familien, unter teilweise grenzwertigen Bedingungen (gefühlsmäßig und wetterbedingt), wuchsen wir zusammen, lernten unsere Ängste und Sorgen kennen. Wir sprachen über unsere Hochs und Tiefs im freien Leben als Familien, gaben uns Mut und  Halt.

In dieser Gruppe verdienten einige Familien ihren Unterhalt über ein ortsunabhängiges Business und wir holten uns Anregungen. Es fanden Beachtalks statt, wo jeder über sein Thema sprechen konnte.

 

Ein Jahr nun schon trugen wir die Idee und die Suche nach einer freien Arbeit in uns.

Die Community spiegelte unsere Stärken und wir bekamen positive Resonanz. Wir überwunden unsere Scheu und gaben erste kleine Workshops, klärten auf und hielten Vorträge über bewusste Ernährung im Alltag.

Bob war jeden Morgen am Strand und machte Sport. Nach und nach machten immer mehr Väter mit und Bob konnte so in seiner neuen Profession als Personal Trainer arbeiten. Die Nachfrage stieg.

Eine Idee blühte auf. Von 6*Katharina von Heartfamily nahmen wir ein Richtungsweisendes Coaching in Anspruch. Das war der Startschuss.

Jetzt arbeiten wir online und teilweise offline, leben und reisen.

Bob und ich betreuen erfolgreich unsere ersten Kunden.

 

Ein ganz neuer Alltag ist entstanden.

 Wir spüren unsere Schwachstellen. Es gibt Streitigkeiten um freie Zeiten und Zeiten für „das neue Projekt“. Alles ist hart umkämpft. Zwischendrin das Kind, das sich lauthals mit seinen ganz eigenen Bedürfnissen meldet, wenn wir drohen uns in der Arbeit zu verlieren.

Routinen müssen her. Disziplin und unser Mindset werden überarbeitet. Jeder geht in sich – das Business braucht Fokus.

 

Was wollen wir? Wohin wollen wir?

Für uns klappt ein gemeinsamer virtueller Kalender ganz gut. Die Zeiten sind darin aufgeteilt: Sport, Meditation, Arbeit, E Mail schreiben, gemeinsames Essen, Zeit für Zärtlichkeiten, Business Talks, zwei Familientage.

Bobs Personal Trainings gehen in erste Linie vor, sie sichern uns das erste Geld. Was postwendend in Weiterbildungen, unsere neue Webpage und einen leistungstärkeren Rechner fließt. Danach kommen meine Coachings, die mir viel Spaß machen. Die Feedbacks sind für uns der reinste Balsam. Als ehemaliger Koch übernimmt Bob öfter den Küchendienst und zaubert aus ganz wenig ganz viel und hält dadurch unsere Energien aufrecht. Ich kümmere mich um die Organisation unsere Reise: Flüge buchen, nach geeigneten Unterkünften recherchieren, Internetstärke checken, Märkte suchen, mit Familien in Kontakt bleiben für mögliche Treffen, roh-vegane Restaurants aufsuchen zum Genießen und für neue Inspirationen.

 

Ein „Nein“ aus Liebe zu mir selbst

Ich lerne Aufgaben abzugeben, um mich selbst nicht zu sehr zu beanspruchen. Nach einem Coaching im Sommer stellte ich fest, dass meine täglichen Aufgaben meine Kapazitäten bei weitem überstiegen. So blieb für mich persönlich absolut keine Zeit mehr übrig. Ich lebte über meine Verhältnisse. Kein Wunder warum ich mich trotz meiner persönlichen Freiheit so ausgelaugt fühle. Da kann ich noch so viele Smoothies trinken und auf Bioqualität beim Essen achten. Stress ist pures Gift und ist eine oft unterschätzte Ursache körperlicher und seelischer Erkrankungen. Mittlerweile nehme ich mir Zeit für meine Meditation, meine tägliche Dosis Bewegung und für`s Lesen. Obwohl ich erkannt habe, was mir gut tut, fällt es mir dennoch manchmal schwer, genau das umzusetzen, aber ich werde langsam besser.

 

Unser Kind

Die Zeit mit Ella wird aufgeteilt. Jeder hat mit ihr gemeinsame Zeiten. Zwei Tage sind Familienzeit mit Ausflügen und gemeinsam Essen gehen. Ganz klassisch. Wenn Kinder in der Nähe sind ist es leichter für uns drei, Ella spielt und geht ihrer Wege.

Doch es braucht gemeinsame Momente, fürs Runterfahren und wieder connecten. Das sind vorrangig die gemeinsamen Mahlzeiten und am Ende des Tages die Geborgenheit und eine allabendliche Routine. Lesen, quatschen, spielen, kuscheln und Hörspiel hören, da gibt es einfach die volle Aufmerksamkeit.

Es läuft nicht immer harmonisch, auch Ella hat gute Tage und nicht so gute. Da wechseln Wachstumsphasen, Autonomie und ihre Bedürfnisse im ¾ Takt. Da gibt es Wünsche, die alle auf einmal nicht in einen Kalender passen, diese Tage sind für uns alle manchmal anstrengend. Wir lernen Ella kennen und sie uns. Wir sind nicht perfekt und doch versuchen wir einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir reden.

Ella hat einen freien Alltag. Der mit ihren Routinen beginnt, die wir ihr auch lassen. Sie schläft gern lange und braucht morgens ein paar Minuten für sich. Sie zieht sich gerne 3x am Tag um und will ihre Zähne geputzt bekommen. Sie hat bestimmte Essensvorlieben, die, der Gesundheit zu Liebe, bei uns nicht immer Gehör finden. Darauf folgt dann oft ein mittelschweres Ella-Erdbeben. Manchmal öffnet sich plötzlich ein Tor des Lernens. Wissbegierig stellt sie Fragen und will postwendend die Antworten darauf. Durch das Family Meet up in Thailand hat sie sich das Schwimmen von den älteren Kids abgeschaut, seit ein paar Wochen schwimmt sie alleine, ohne Schwimmhilfen. Aktuell entdeckt sie sich und ihren Körper. Der Mut wächst und damit auch das Springen aus schwindelerregenden Höhen.

Sie lernt englisch und spielt mit unterschiedlichsten Nationalitäten. Sie liebt Mädchen und die Jungs lieben sie. Sie spielt sehr gern mit Puppen und genauso mit Stöcken. Wird es ihr zu wild, begnügt sie sich mit zuschauen. Wenn sie sich wieder stark und sicher fühlt macht sie mit.

Es ist herrlich ihr Naturell jeden Tag zu beobachten. Wie ihre Launen sich ändern, wie sie mit Hürden umgeht. Immer öfter, wenn die Rahmenbedingungen es zu lassen, sehe ich ihr hinterher, wie sie ohne umzudrehen in einer großen bunten Kinder-Gruppe aus dem Haus rennt und irgendwann zerzaust und hungrig wieder nach Hause kommt. Ich sehe wie sie die Welt exploriert und was sie tagtäglich bewegt.

 

Tiefen

Vermissen tue ich so einiges und BÄM!! tauche ich in eine kleine, dunkle Gedankenphase ein…

  • Wenn ich meinen Vitamix jetzt hätte, könnte ich…..
  • Wenn wir jetzt eine Wohnung hätten, dann wäre ich…
  • Wenn ich jetzt bei meinen Freunden wäre, würde ich……

Da bin ich unglücklich und finde alles um mich herum abstoßend und zäh, aber das sind lediglich Momentaufnahmen. Mit meinem jetzigen Bewusstsein weiß ich, dass ich mir in solchen Momenten wieder klar machen muss, was ich eigentlich will und was wir wollen. Ich darf nicht mein Leid an Bob und Ella auslassen.

  • Der Mixer ist im Moment nicht da, doch deswegen verhungere ich nicht.
  • Ich bin jetzt hier im schönen Bali und nicht in einer Wohnung.
  • Meine Freunde bleiben meine Freunde.

Am besten suche ich mein Glück in mir und nicht im Außen. Es sind meine ganz eigenen Gedanken, die mich in die Tiefe reißen oder mich glücklich machen.

Wir haben unser Leben selbst in unserer Hand.

„Ihr habt`s gut, ihr seid im Urlaub!“

So mag es im ersten Moment erscheinen. Aber so ist nicht.

Ortsunabhängige Familien sind nicht die klassischen Digitalen Nomaden. Es gibt keinen Weg für uns, keine Workation, kein „komm lass uns mal entspannt einen Tag schnorcheln oder surfen“. Die Netzwerke für Familien entstehen gerade erst. Und selbst wenn wir im gleichen Ort wohnen sind Treffen unter den Familien rar, denn jeder hat in seinem Alltag bestimmte Routinen und Schwerpunkte., Da können Dinge, wie die persönliche Einstellung zum Thema Ernährung schon sehr ins Gewicht fallen.

Eine Ortsunabhängigkeit ist ein Schritt in die richtige Richtung, ein ortsunabhängiges Business aufzubauen ist eine steile Treppe. Es gilt immer mit Arbeit, Alltag, Kind und Familie zu jonglieren. Es bedarf selbst im „Paradies“ einer gewissen Organisation: gute, bewusste Nahrung fliegt nicht in deinen Mund, günstige und gepflegte Unterkünfte gibt es nicht auf dem Bazar.

Wir sind die Ausländer, die nicht im Urlaub sind. Wir sind keine Backpacker und auch keine Aussteiger.

Wir sind irgendwas dazwischen und doch eine eigene Spezies.

 

Wir sind eine neue Generation.

Ich bin dankbar für dieses Leben, es ist hart aber herzlich. Seit zwei Jahren leben wir sehr intensiv. Wir lernen so viel über uns. In unserem „alten Leben“ in Deutschland hätten sich für uns niemals so viele Türen mit Erkenntnissen geöffnet. Wir lernen zu vergeben und die Momente so anzunehmen wie sie sind. Wir verlieren Geld beim handeln und können woanders wieder Schnäppchen machen.

Wir haben einen ganz normalen Alltag wie alle anderen auch. Ganz gleich, ob in einer Wohnung in der Stadt, im Haus oder in einem Wohnmobil.

Wir leben unseren Traum von unserem Leben.

Wir sind zusammen und das als Familie, jeden Tag aufs Neue.

Let it grow!

Herzliche Grüße.

Diana Franke

von 7*Aeroh Travel Kitchen– Du lebst nur einmal.

 

Diana Franke ist Mutter einer Tochter, Aussteigerin und bereist mit ihrer Familie die Welt.

Sie ist RawChef und geht gemeinsam mit ihrem Mann Bob  ihrer Passion – gesunder und lebensfroher Küche – nach und inspiriert dazu auf auf ihrem Blog aerhohtravelkitchen.de.

Dort findest du auch Reiseimpressionen und Fitnesstipps, aber auch viele wertvolle Gedanken zum alternativen Familienalltag. Als Geschenk auf ihrer Seite gibt es zum Beispiel ein Ebook über zuckerfreie Geburtstagsfeiern!

 

Vielen Dank für den wunderbaren Beitrag im Rahmen der Blogparade!

Blogparade

2 Kommentare

  1. Kerstin

    Liebe Diana,
    danke für deinen offenen und ehrlichen Artikel 🙂 Ich kann dich sehr gut fühlen <3 Wir sind definitiv einen neue Spezies, ein Name müsste endlich mal her, vielleicht hab ich dann selbst auch mehr Klarheit 🙂 Die Wohnung (das Haus) hab ich hier, dennoch fehlt so viel, eben Menschen, die eine selbstbestimmte Geburt, Beziehung statt Erziehung, Tragen, Familienbett, Reisen (im Innen sowie im Außen), anständige Ernährung, Freilernen usw. auch für "normal" halten 🙂
    Ich schick mal Vertrauen ins Universum , und den Wunsch, dass wir Suchenden auch mal "Ankommen" werden 🙂 Ganz liebe Grüße aus Österreich nach ??? Bali? Australien? 😉
    Kerstin

    Antworten
  2. Annett

    Liebe Diana,
    Danke für Dein Teilen.
    Danke für Deine Freundschaft, die auch über die Ozeane spürbar ist
    und nährt.
    Danke für Deine Inspiration,
    Deine Ehrlichkeit, auch über die Tiefen
    und die Höhen.
    Es ist schön, Dich zu kennen!
    Von Herzen, Annett

    Antworten

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