Mit fünf Kindern heraus aus dem Hamsterrad

Seit fast acht Monaten sind wir mit unseren fünf Kindern reisend in der Welt unterwegs und sind gerade auf Besuch in Deutschland bei unseren Familien und Freunden. Hier merken wir wieder, warum wir uns eigentlich heraus aus dem Hamsterrad bewegt haben und welche Vorzüge dieses mit sich brachte.

Aber erstmal zum Anfang. So richtig glauben können wir es manchmal selber nicht, wie schnell wir unser altes Leben doch hinter uns gelassen haben. Dabei hatten wir doch alles, was es zu erreichen gab und das Ideal vom Familienleben geschafft. Zumindest das Ideal, welches uns immer beigebracht wurde und welches uns unsere Eltern und Freunde vorlebten. Wir wohnten zur Miete in einem großen Reihenendhaus, die Kinder fühlten sich wohl im Garten mit vielen
Spielgeräten und nutzen das Haus ausgiebig zum Spielen und Bauen. Spielzeug und Bücher gab es ja genug.

Mein Mann arbeitete als Postbote, war aber nie wirklich glücklich in seinem Beruf. Dennoch traute er sich bisher nicht heraus aus seinem Job, sicherte er mit ihm doch das Grundeinkommen der Familie.

Ich hatte mit drei Kindern mein Referendariat abgeschlossen und arbeitete als Grundschullehrerin zwischen den Elternzeitjahren der zwei jüngsten Kinder. Meine Arbeit bereitete mir viel Freude, denn ich versuchte meinen Unterricht sehr zu öffnen und das führte zu einer angenehmen Lernatmosphäre und zu begeisterten Schülern. Es es schön, so ehrliches Feedback von den Kindern zurückzubekommen, sind die Grundschulkinder meist noch offen für Neues. Doch auf einmal kam ich an meine  Grenzen mit meinem offenen Unterricht und es wurden sowohl von Schulleitung, Kollegen und Eltern mehr Struktur gewünscht und sie sahen teilweise den neuen Lernmethoden skeptisch ins Auge. Die Kinder sollten sich immer mehr den geforderten Regeln anpassen und sich auf einheitlichen Kurs begeben. Zumindest kam es mir oft so vor. Besonders im Ethikunterricht merkte ich, dass wenige Schüler eine eigene Meinung hatten und sich kaum trauten, diese zu sagen und zu begründen. Viel zu sehr haben sie verinnerlicht, dass es nur eine richtige Antwort gibt und so waren sie bedacht, diese eine Antwort zu finden. Dabei ist es doch gerade die Vielfalt der Antworten und Fragen, die ein Lernen ermöglichen. Ziemlich schnell stellte ich also fest: Entweder ich passe mich und den Unterricht an die Gegebenheiten an, habe dann ein ruhiges Leben und verdiene im öffentlichen Dienst gutes Geld oder aber ich bewege ich raus aus dem System und suche neue Wege für mich.
Meine große Tochter ist durch dieses System durchgeschlittert, ohne große Probleme. Emilia hat es schon immer verstanden, sich so weit anzupassen, dass sie ihre Ruhe hat und nicht weiter auffiel. Lernen musste sie bis jetzt sehr wenig, oft reichte es aus, im Unterricht aufzupassen und dann den Inhalt in Arbeiten wiederzugeben. Dadurch tat sich bei ihr nie die Frage auf, sich heraus aus diesem deutschen Schulsystem zu begeben. Im Nachhinein muss ich aber sagen: Diese Anpassung hat schon etwas mit ihr gemacht und ihre Persönlichkeit verändert.

Die ersten Monaten auf Reisen war es sehr schwer für Emilia, sich selbst zu finden und herauszubekommen, was SIE interessiert. Da gab es keine Lehrer mehr, die ihr vorschrieben, was sie zu lernen hat. Es kam sogar der Wunsch auf, wieder eine Schule besuchen zu dürfen, gab die Schule doch wenigsten eine Art Struktur des Tagesablaufes vor und Langeweile hatte selten Platz. Nach einiger Zeit konnte sie sich dann endlich dem Lernen widmen und fand ihre eigene Motivation wieder. Emilia befasste sich mit Hilfe eines Onlineprogrammes mit der Mathematik und vertiefte ihr Englisch. Sie lernte auf Reisen automatisch geografische Gegebenheiten der Länder kennen und konnte den Fragen nachgehen, die sich im Alltag auftaten. Mittlerweile genießt sie das Freilernen, fordert doch aber immer mal wieder Strukturen ein und möchte in einem vorgegeben Lehrbuch oder Arbeitsheft etwas lösen.
Anders wäre sicher die Schulkarriere meiner Söhne verlaufen. Da ich selbst erlebt habe, wie schnell die Kinder sich dem System Schule anpassen, es nur darum geht auf Linie gebracht zu werden und die gegebenen Strukturen, ohne sie zu hinterfragen oder ohne das eine einige Meinung gefragt ist, anzunehmen, sah ich der Einschulung meines Sohnes mit Bauchschmerzen entgegen. Er würde sich anpassen, ohne Frage. Aber seine Persönlichkeit würde er dabei aufgeben. Sein Ideen, sein Wille würde gebrochen werden und er würde sich in diesen Einheitsbrei begeben. Uns packte immer mehr der Freilernergedanke, vor allem nachdem wir uns mit anderen freien Menschen verknüpft hatten und deren Erfahrungsberichte aufgesaugt haben. Für uns wurde es immer deutlicher: Wir müssen heraus aus dem Hamsterrad und hinein in die Welt. Ich möchte für das Wohl meiner eigenen Kinder sorgen und sie nicht in fremde Hände geben, ohne zu wissen, ob sie den Gegebenheiten standhalten oder ihre Persönlichkeit verlieren werden.
Wir wollten neue Wege ausprobieren, gemeinsam mit den Kindern die Welt entdecken und das Freilernen zulassen. Je mehr wir uns informierten und erste Schritte gingen, umso mehr hinterfragten wir auch unser bisheriges Leben. Warum in aller Welt sehen wir es als unsere Hauptaufgabe, viele Stunden am Tag arbeiten zu gehen und unsere Kinder wegzuorganisieren?
Natürlich braucht man Geld zum Leben, keine Frage. Aber müssen beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen, so wie es uns immer beigebracht wurde? Bei uns in Ostdeutschland gab es schon immer ein ausgebautes Kinderbetreuungsnetz und schon die Kleinsten wurden oft viel Stunden am Tag in der Krippe betreut. Die Frauen waren schnell wieder arbeiten. Und so haben wir es auch in unserer Generation erlebt. Meist wird ein Jahr Elternzeit genommen, in dem es auch Elterngeld gibt und dann gehen beide Elternteile wieder ihrem Beruf nach.

Auch wir befanden uns bis vor kurzem in dieser Falle. Warum Falle? Weil die Kosten für die Betreuung der Kinder, für ein zweites Auto um zur Arbeit zu kommen und die Urlaube im Jahr oft fast ein Gehalt ausmachen oder zumindest ein  Großteil davon verschlingen. Lang dachten wir auch, dass es so sein muss und waren in der Früh schon schlecht gelaunt, wenn ein Morgen nicht so lief, wie erwartet. Wenn die Kinder unausgeschlafen waren und sich nicht anziehen wollten. Dann hetzten wir zur Arbeit und luden davor die Kinder in den  Einrichtungen ab. Im schlimmsten Fall gab es sogar Tränen und das Elternherz wurde schwer. Beim vierten Kind wollten wir uns dem nicht mehr hingeben und hatten vor, ihn lang selbst zu betreuen. Und das war der erste Schritt in Richtung Freiheit für uns.
Dadurch ergab sich dann, dass wir auch die großen Jungs aus dem Kindergarten nahmen und intensiv über andere Möglichkeiten des Lernens nachdachten. So beschlossen wir, uns eine Auszeit aus diesem System zu nehmen und die Elternzeit unseres jüngsten Kindes zum Reisen zu nutzen.

 

Wohin hat uns diese Reise bisher geführt?
Aufgebrochen sind wir mit der Absicht, den Kindern viel von dieser wunderschönen Welt zu zeigen und intensive Familienzeit zu erleben. Doch diese Reise führte viel mehr in ins selbst, als hinaus in die Welt. Wir begannen alles zu hinterfragen und tauchten noch mehr in die Materie des freien Lebens ein. Frei von gesellschaftlichen Zwängen, frei von äußerlich vorgegeben Strukturen, frei von intoleranten Menschen, frei von Erwartungen anderer. Wir lebten für uns und unsere Kinder, passten unseren Tagesablauf dem Biorhythmus der Kinder an, lernten zusammen Dinge, woran wir Freude hatten und hatten die Möglichkeiten auszuprobieren, wie wir als Familien leben wollen.
Die Geschwister fanden einen neuen Weg das Miteinanders, hatten sie nun den ganzen Tag zusammen zur Verfügung. Wir Eltern haben viele Momente der Selbstfindung erlebt und stellten uns Themen unserer Vergangenheit, arbeiteten Situationen auf und sind unserem eigentlichem Ich ein Stückchen näher gekommen Wir haben gemerkt, was uns Freude bereitet und was wir uns in Zukunft nicht mehr vorstellen können. Unsere Ernährung stellten wir um, übten Meditationen, betrieben Sport und taten bewusst etwas für uns. Mit fünf Kindern ist das nicht so einfach und doch haben wir gemerkt, wie wichtig es uns ist und wie es damit auch den Kindern zu Gute kommt.

Diese Reise ist nur der Anfang von einem kompletten Lebenswandel und der Weg ist unserer Ziel. Das wurde uns zurück in Deutschland umso bewusster. Zurück aus dem „Paradies“ wurden mir mit skeptischen Kommentaren, neidvollen Blicken und verständnislosen Menschen konfrontiert. Das erste Mal haben wir uns bewusst dem Stellen müssen, dass WIR anders sind als der Großteil der Menschen in Deutschland. Auch wenn das vielen nicht passt, aus welchen Gründen auch immer: Uns tat unser Ausstieg gut und wir möchten im Moment nicht zurück ins System. Viel zu sehr genießen wir unsere Freiheit als Familie. So können wir leider keine Antwort auf die Frage geben, was wir als nächstes Vorhaben, wie lange wir nach Reisen wollen und wo wir uns ein festes Leben
wieder vorstellen können. Unser Ziel ist unklar. Nur der Weg fühlt sich richtig an: Wir werden als Familie zusammen bleiben, weiter langsam weiterreisen und uns mit anderen Familien verknüpfen, die einen ähnlichen Weg gehen. Wir sind gespannt auf weitere innere Prozesse, auf das gemeinsame Wachsen als Familie und auf Erfahrungen, die uns so viel lehren und lernen. Denn selbst die unangenehmen Gegebenheiten haben sich im Nachhinein als gewinnbringend enttarnt.
Traut euch einfach in kleinen Schritten eurem Herzenswunsch entgegen. Meist ergibt sich eins aus
dem anderen und ihr werdet sehen, dass Ängste unbegründet waren und eine Vielfalt vom Leben
auf euch wartet.
Alles Liebe,

Eure Mandy

Mandy Otto  ist jung Mutter geworden und hat inzwischen 5 Kinder. Sie bloggt über den Alltag als Großfamilie auf Reisen mit vielen praktischen Tipps, hat aber auch viele Informationen zu Alleingeburten, Freilernen und Attachment Parenting Themen parat.

Wer ihr weiter folgen möchte, kann sich gern auf dem gemeinsamfreileben.de, auf ihrem YouTube Kanal und dem Instagramaccount  umsehen.

 

 

Danke für diesen spannenden Artikel im Rahmen der Blogparade!

Blogparade

4 Kommentare

  1. Dagmar

    Was für für berührender belebender Artikel. Danke dafür.

    Antworten
  2. Christian Hahn

    Danke, Mandy, für deinen wunderbaren authentischen Artikel! Kann mich 1:1 darin mit unserer Familiengeschichte wiederfinden. Ganz ähnlich, wie du es beschreibst, erleben wir es als FreilernFamily auf Reisen und auch das Zurückkehren nach DE haben wir so erfahren, wie du es beschreibst…!
    Würd mich sehr freuen, wenn wir uns als Familien einmal begegnen!

    Alles Liebe auf eurem Weg!
    Herzlichst, Christian mit Familie.

    Antworten
  3. Sabrina

    Liebe Mandy,

    Danke für diesen wundervollen Artikel!

    Ich finde mich 1:1 in deinen oberen Zeilen wieder und es ist immer wieder schmerzlich zu lesen.

    Wenn ihr reist, wie verdient ihr nun euren Lebensunterhalt?

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  4. Sarah

    Sehr schöner Artikel. Man kann soviel Mut nur bewundern.
    Unsere Kinder brauchen mehr Lehrer wie sie, um sich endlich wieder in den Schulen wohlzufühlen.
    Jedes Kind sollte sein eigenes Tempo haben dürfen.

    Antworten

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