Einstein spielen kann er später, jetzt machen wir erst einmal Schule!

2007 wurde mein großer Sohn eingeschult, ein tolles, buntes und einschneidendes Ereignis für alle betreffenden. Wäre da nicht mein kleiner Sohn gewesen. Schmollend die Arme verschränkt in der letzten Reihe und voller Unverständnis, dass er nun heute nicht auch eingeschult wird. 2 Jahre später war es dann auch für ihn endlich soweit, er durfte zur Schule. Eine Regelschule.

Bereits nach den ersten Wochen traten immer mehr Probleme auf. Schule ist blöd und langweilig und überhaupt ist alles komisch und nicht in seinem Sinne. Ich erinnere mich an ein Nachmittagsgespräch:

Kind: Mama, wenn wir Mathe haben nehmen die Anderen die Finger zum Rechnen, warum machen die das?

Ich: Die ziehen die Zahlen zusammen. Wie machst Du das? (Innerliches Kopfschütteln über die komische Frage)

Kind: Keine Ahnung fällt mir einfach ein.

Ich: Ja, na ist doch super. Macht halt jeder wie es für ihn am Leichtesten ist. mathematics-757566_640

Weit gefehlt… hätte ich damals gewusst, was dieses Gespräch bedeutet und was uns die nächsten Jahre erwartet, hätte ich mein Kind genommen, hätte meine Sachen gepackt und wäre ausgewandert. Wohin weiß ich bis heute nicht aber zumindest wohl an einen Ort an dem es keine Schulpflicht im herkömmlichen Sinne gibt. Jeden Tag stelle ich mir wieder die Frage warum es so wenig Möglichkeiten gibt, für Menschen die nicht ins System passen. Seit diesem Tag hat mein Sohn für sich erkannt er ist scheinbar anders als ist als die anderen Kinder (in der Schule) und das ist nicht richtig.

Ein paar Wochen später rief uns die Lehrerin zu sich und bat uns einen Intelligenztest vornehmen zu lassen. Er stört die Klasse ausdauernd, will sich nicht mit seinen Aufgaben beschäftigen, ist aber sehr pfiffig und ein sehr herzlicher Mensch.  Wochenlanges rumquälen mit einer Frage: Will ich das überhaupt wissen? Nachdem es meinem Sohn immer schlechter ging und nach viel Beratung, Abwegen und Informationen habe ich ihn testen lassen, Teilbereiche im Hochintelligenten Bereich und er soll differenziert unterrichtet werden. Entweder in einzelnen Fächern in einer höheren Klassenstufe oder komplett den Sprung anstreben.

albert-einstein-1144965_640Nach langem hin und her mit der Schule der Entschluss der Sprung von der 2. in die 3. Klasse darf erfolgen. Das klappte super, engagierte neue Lehrerin, fleißiges und interessiertes Kind. Dann Ende Klasse 3 erfolgt der Übergang in Klasse 4, neue Lehrer, neue Situation. Bereits nach 2 Wochen wurde ich zum ersten Gespräch bei der neuen Klassenlehrerin gerufen. Sie tippte auf die Schülerakte (meine Befürchtungen wurden wahr) „Der Test interessiert mich nicht, den Einstein spielen kann er später, jetzt machen wir erst einmal Schule und wenn er das nicht kann ist er hier falsch.“

Peng. Das hat gesessen. Einstellung der Lehrerin klar, ich verstummt. Noch vor den Herbstferien hatten sich die Lehrerin und er so hochgeschaukelt das sie ihn am Arm aus der Klasse zerrte und ich ein Schreiben der Schulleitung erhielt ich möchte zum Gespräch kommen.  Unter beiderseitigen Tränen teilte sie mir mit, dass die 2 Klassenlehrerinnen einen Passus im Gesetzestext gefunden hätten, der den Übersprung unwirksam macht und er in die 3. Klasse zurückmuss. Sie aber verstehen könne, dass es für das Kind das falsche Signal ist und sie ehrlich eingesteht, dass sie keine Klasse hat die sie mir anbieten kann und ihm an dieser Schule nicht gerecht werden kann. Sie regt an, ihn aus dem Regelschulsystem rauszunehmen und in eine Alternative Schulform zu bringen.

Mit diesem Thema habe ich mich nie auseinandergesetzt. Ich bin offen für alles Neue aber es war kein Thema für uns. Die Schullaufbahn des Großen läuft heute noch Problemfrei. Regelschule bis Ende 6.Klasse, danach Freie Montessorischule. Er hat mit Auszeichnung seinen Motessoriabschluss am Anfang der 10.Klasse bestanden und sitzt gerade in den Prüfungen für den 10er Regelschulabschluss und wird nach den Sommerferien an ein Oberstufenzentrum mit Informatikrichtung sein Abitur beginnen. So unterschiedlich kann es gehen. 2 Kinder mit ungelebter und ignorierter Begabung würden meine Möglichkeiten vermutlich auch übersteigen. Es ist ein täglicher Kraftakt sowohl dem jungen Menschen in seinen Bedürfnissen gerecht zu werden als auch den Blick für die benötigte Realität nicht zu verlieren was die Zukunftsplanungen angehen.

Nun gut, es gibt bei uns eine Freie Montessorischule. Ich habe mich damit intensiv auseinandergesetzt und große Hoffnung in dieses Konzept gesteckt. Ich habe den Kleinen und später auch den Großen auf diese Schule gegeben. Beide wieder mit sehr unterschiedlichen Wegen wie schon erzählt.

Das Konzept der Montessorischule bietet viele Möglichkeiten zum persönlichen Wachstum. Das habe ich bei beiden Kindern lernen können. Der Freiraum, der dort gelebt wird, gibt den Kindern den Raum selbstständig zu werden, die Welt optimistisch zu hinterfragen, sich ohne Vorgabe von Wegen zu entwickeln. Für mich immer noch ein tolles Konzept mit wichtigen Ansätzen und Möglichkeiten. Der Unterschied zwischen den Montessorikindern und vielen Regelschulkindern aus meinem Bekanntenkreis ist in Hinsicht auf persönliche Verantwortung und Zukunftsperspektiven ist riesig.

Ein Beispiel: In der Montessoriklasse meines großen Sohnes wissen 100% der Kinder womit es nach der 10.Klasse weitergeht. In der Regelschulklasse Gymnasium einer Bekannten sind es 40%. Und ich kann auch persönlicher Überzeugung sagen, dass sind nicht die Eltern die hier Entscheidungen treffen, sondern die jungen Menschen selber. Das ist etwas was ich an dem Montessorikonzept sehr schätze. Gelebte Eigenverantwortung.

Leider nicht für jeden passend. Ein Kind, welches sich nicht selber strukturieren will und es auch nicht lernen will, vielleicht auch, weil es inzwischen so misstrauisch Lehrpersonal und sich selber gegenüber ist und sich selber Schulisch gesehen für komplett falsch hält, hat auch dort keine Chance.

football-1307849_640Im Privatbereich sieht das ganz anders aus… ein glücklicher Junge auf dem Fußballplatz, nach der Schiedsrichter Ausbildung im Einsatz oder im Skater Park.

Dieses Thema ist ein so umfassendes Thema, ich könnte noch stundenlang Erklärungen und Beispiele bringen. Ich habe mich inzwischen weitergebildet zur Begabungspädagogin (IFWL) und das hat mir einige Türen für meinen Sohn geöffnet und die von mir begleiteten Familien geöffnet. Die Schulen, Psychologen oder Schulpsychologen konnten dies leider nicht. Meine Erkenntnis in diese Punkt ist: Werde dein eigener Familienexperte. Nur das öffnet neue Türen und bringt dann wirklich die Leute ins Leben die helfen können. Sensibilität für dieses Thema zu schaffen, aufzuklären und Möglichkeiten aufzuzeigen erfüllt mich und lässt mich nun meine eigene Begabung leben. Aufzuzeigen, dass diese Kinder nichts Besseres als andere Kinder sind aber auch gesehen werden dürfen ist absolut wichtig.

Diese Kinder werden mit einer Möglichkeit geboren und nicht mit einem Kopf voll mit Wissen. Das wird oft verwechselt. Es gilt eine gegebene Möglichkeit und Kompetenzen zu stärken. Ein Musik- oder Sporttalent wird auch seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert und weitergebildet. Das darf im intellektuellen Bereich auch so sein. Vorurteile in diesem Bereich dürfen neu überdacht und hinterfragt werden.

Wir sind nur ein Beispiel. Eine Geschichte von vielen und es gibt auch viele Kinder die ihr Geschenk der hohen Intelligenz leben und annehmen können. Es wird für uns und viele Eltern ein ständiges „Neuerfinden“ der Möglichkeiten, bleiben aber dennoch eine Bereicherung. Das schlaue blitzen in den glänzenden Augen meines Sohnes war zwar manchmal verschwunden aber inzwischen kann ich es häufig sehen und freue mich über jeden Tag mehr, an dem ich es sehen kann.

Herzlichst

Susanne Lausch

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Woran erkenne ich besondere Begabungen? Wie kann ich damit umgehen und fördern? Welche verschiedenen Begabungsformen gibt es?

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Wir möchten Dich ganz herzlich dazu einladen kostenlos am Kongress teilzunehmen, am Samstag geht es los, hier kannst Du Dich kostenlos eintragen.

 

 

profilbildDiesen Artikel hat Susanne Lausch vom Blog www.begabungslabor.de für Dich geschrieben.

Danke für diesen wunderbaren Artikel im Rahmen der Blogparade liebe Susanne!

 

 

 

Blogparade

2 Kommentare

  1. Eva Beatrice Foerster

    Liebe Susanne,
    wow! So ein wunderbarer Artikel, auch wenn es natürlich erstmal hart gewesen sein muss, das als Mutter zu erleben!

    Dieser Einstein-Satz ist echt heftig! Er erinnert mich an einen Satz, den mir eine Professorin an der Hochschule im Bereich Geisteswissenschaften an den Kopf geworfen hat. Ich hatte ihm im Grundstudium eine Hausarbeit abgegeben, mit oh Gott, eigenen Thesen. Sie gab mir eine 4 und begründete dies mit dem Satz: „Eigene Thesen aufstellen können sie in der Doktorarbeit, jetzt lernen sie erstmal wissenschaftlich arbeiten.“ (Thesen aufstellen ist wissenschaftlich arbeiten, aber gut.) Interessant, dass das eigenständige Denken immer zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden soll….

    Da es im Gegensatz zur Schulpflicht keine Studierpflicht gibt, habe ich das Studium abgebrochen und mir ein Fach mit der größtmöglichen Unterstützung beim freien Denken gesucht: Kunst…
    Leider ist es für Schulkinder wesentlich schwieriger wegen der Schulpflicht, die man nur umgehen kann mit engagierten Eltern. Deswegen finde ich es so bewundernswert, Susanne, dass du Eltern unterstützt, selber Experten zum Thema Hochbegabung zu werden. Toll! Wow!
    Alles Liebe, Eva

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  2. Dagmar

    Das ist schon heftig, wie sehr Kinder von den jeweiligen Lehrern abhängig sind.
    Hohe Intelligenz ist weder ein Garant für Schulerfolg noch für Schulschwierigkeiten. Da spielen auch noch viele andere Faktoren mit rein. Bei meinen älternen Kindern habe die diese Testgeschichte auch durch. Mein ältester Sohn war einer, der im System Schule unglücklich war. Alles zu hinterfragen hat dort keinen Platz, ihn interessierten auch viele Dinge, die dort keinen Raum hatten.
    Meine Tochter ist den Schnellläuferzug im Gymnasium relativ unproblematisch durchlaufen. Würde ich trotzdem nicht wieder so machen. Mein jüngerer Sohn ist an einer freien Schule, an der er so lernen kann, wie er will. Das ist zur Zeit super. Mal sehen, wie es weiterläuft.

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