Über Ängste, Mut und Träume

„Mensch seid ihr mutig, das würde ich mich nicht trauen, und dann noch mit Kindern!“ ist einer der Sätze, die wir mit am meisten gehört haben, seitdem wir unseren Entschluss zu reisen kommuniziert haben.

Viele haben uns gefragt, ob wir keine Ängste haben und darauf möchte ich heute eingehen, weil es mir gerade in den letzten Tagen noch einmal so bewusst wurde.

Wie wird es sein? Ist es für die Kinder eine gute Entscheidung? Was, wenn etwas passiert? Und all die Gefahren? Diese Fragen laufen wie ein Kopfkino auch in meinem Kopf als Dauerschleife, ich habe mich nur entschieden, ihnen nicht die Macht zu verleihen, mich von dem abzuhalten, was ich (wir) wirklich möchte. Ich bin meinem Kopf dankbar dafür, dass er diese Kontrollfragen stellt, mir damit regelmäßig den Hinweis gibt, dass ich prüfen soll, wie sicher mein Herz in der Entscheidung ist, und ich darf jeden Tag üben, dem Kopf seinen Raum zu geben und ihn darauf zu beschränken. Das Herz fühlt und kann richtig und falsch für unsere Entscheidungen wahrnehmen, der Kopf unterscheidet – das Entscheiden ist ihm nicht möglich. Die Schwierigkeit ist nur, dass der Kopf so laut und das Herz so leise ist. Daran muss ich mich jeden Tag (mehrfach) erinnern.

Schon 2006 waren wir das erste Mal in Thailand und hätte ich mit dem Kopf entschieden, wäre ich nicht mal bis T gekommen. Ich habe eine wahnsinnige Angst vor Schlangen und von dem her ist Asien der verkehrteste Platz für mich. Aber ich hatte diese große Sehnsucht und den Traum, ich wollte mit ganzem Herzen unter Palmen liegen und Tauchen lernen. Und habe damals allen Mut zusammen genommen und wir sind geflogen. Wären wir damals nicht hier gewesen, wären wir 2008 sicher nicht noch einmal mit Constantin hier gewesen und dann hätte ich es diesmal mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht gemacht.

Mut heißt nicht, dass ich keine Angst habe. Es heißt nur, dass ich mich bewusst entscheide mich davon nicht dominieren zu lassen.

Warum verwirklichen viele Menschen ihre Träume und andere nicht? Den Unterschied macht die Frage, ob wir uns von unseren Ängsten davon abhalten lassen die nächsten Schritte zu gehen, oder ob wir in die Angst hineingehen, durch sie hindurchgehen, sie annehmen und mit ihr gehen – oder uns wehren. Und welcher der Ängste sind wirklich unsere eigenen und welche sind übernommen?

In den letzten Tagen hatte ich wie gesagt wieder eine Situation: das Rollerfahren. Ich habe noch nie auf einem gesessen und hatte zwar gründlich Respekt davor, habe aber mir weiter im Vorfeld keine Gedanken dazu gemacht, weil „alle“ ja Roller fahren. Nun haben wir uns hier einen gemietet und ich habe erst einmal alleine etwas geübt und bin dann gleich bei der ersten Testfahrt (ohne Kinder) damit gestürzt. Es ist mir nichts passiert außer ein paar blauen Flecken und einem kleinen Plastikschaden am Roller – und dem Schock. Ein Thai hat mir geholfen den Roller aus dem Graben zu ziehen und da stand ich nun mit zitternden Knien und war mir völlig bewusst, dass ich jetzt den Weg der Angst oder den des Mutes gehen kann und habe kurz über die Reichweite nachgedacht. Wenn ich nicht wieder auf den Roller steige, dann ist der Traum vom freien bewegen hier vorbei. Und ähnlich wie wenn man vom Pferd fällt wird das Pferd ja immer größer, je länger man mit dem Wiederaufsteigen wartet.

Ich bin – natürlich angespannt – die gesamte Strecke inklusive der extrem steilen Berge hier dann gefahren und habe es geschafft.

Gestern haben wir einen zweiten Roller dazugemietet, damit wir es etwas entspannter haben zu viert und haben die erste kleinere Tour zu einem Wasserfall (ca. 5 km) unternommen. Ich war immer noch sehr angespannt, aber es wird besser.

Natürlich haben die Kinder gemerkt, dass ich noch angespannt bin und trotzdem haben sie mir vertraut und sind aufgestiegen. Wir haben besprochen, dass wir langsam fahren und das Auf- und Absteigen am Berg geübt. Aber genau in diesem Moment habe ich das Potential zur Beschränkung so greifbar deutlich gespürt. Alles ist gut gegangen und die Angst wird kleiner – oder besser gesagt ich gestehe ihr weniger Raum zu.

Heute werden wir – sobald der Regen nachlässt – eine größere Tour nach Thong Sala, der größten Stadt der Insel machen, Nils möchte eine SIM-Karte für stabiles Internet kaufen, Ende der Woche steht ein Interview an und für mich ist es eine gute Übungsstrecke: geradeaus ohne allzuviele Berge.

Auch im Mütterkongress haben wir ja viel über Glaubenssätze, Prägungen und Vorbildfunktionen gesprochen und mir wird an diesem Beispiel gerade so deutlich, wie so etwas entsteht und weitergegeben wird. Wenn ich nun nie wieder auf einen Roller stiege und meinen Kindern schlicht sagen würde, dass das gefährlich sei – würde ich damit nicht so viele Möglichkeiten für sie uns für mich beschneiden?

In dieser Situation kann ich meinen Kindern zeigen, wie ich mit der Angst vor der Angst produktiv umgehe.

Wie wirken die Ängste oder mutigen Entscheidungen unserer Eltern und unseres Umfeldes auf uns? Sie sind ebenfalls tief in uns verankert und bestimmen unbewusst (immer noch) unser Handeln und auch die Frage, ob wir uns trauen, ob wir mutig in Richtung unserer Träume schreiten und sie vielleicht verwirklichen. Schon allein dafür lohnt es sich doch, unsere eigenen Ängste anzusehen und mit ihnen zu arbeiten.

Und noch einen Satz zum Thema Ängste und Familienstrukturen oder Familiensysteme:

Stellen wir uns vor, der Urgroßvater hatte Angst vor A, hat damit nur noch 80% der Möglichkeiten an den Großvater weitergegeben, der hatte damit vielleicht Angst vor A und zusätzlich Angst vor B und überträgt dies unbewusst auf seine Kinder. Damit haben unsere Eltern vielleicht schon nur noch einen Handlungsspielraum von 60% bezogen auf ihr Potential gehabt. Und davon sind womöglich nur noch 40% bei uns angekommen. Es ist so wichtig an den Familienstrukturen und den übertragenen Ängsten zu arbeiten.

Ich danke Nils, für sein behutsames Umgehen mit meiner Angst.

Mir geht es wirklich gut, bis auf ein paar blaue Flecken ist nichts passiert – es war eine Lernsituation.

 

Alles Liebe ,

Katharina

2 Kommentare

  1. Sabine Biesalski

    Katharina, Du beeindruckst mich.

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  2. Ursula Beutel

    Liebe Katharina,
    vielen Dank für den guten Beitrag zum Thema Angst. Unsere Herausforderungen lassen sich wirklich besser meistern, wenn wir unserer Angst „ins Auge schauen“, sie annehmen und dann mutig den Weg gehen, den wir fühlen, dass er richtig ist. Weglaufen bringt uns nicht weiter. Du beschreibst das sehr schön! 🙂
    Ich wünsche euch weiterhin ganz wundervolle und starke Erlebnisse und ein Wachstum im Innen wie Außen.
    Mit herzlichen Grüße zu euch allen
    Ursula

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